Dieser Artikel ist erschienen in  der Zeitschrift Truck  & Detail Heft 4 / 2003 und ist verfaßt worden durch den Erbauer

 



Der Tempo Hanseat 50 schien mir dabei ein würdiger Vertreter zu sein. Dieses Dreiradfahrzeug hat nämlich in den 50er Jahren eindrucksvoll das Straßenbild geprägt. Er war das Arbeitstier der Händler und Handwerker und wurde von 1950 bis 1952 in einer Stückzahl von mehr als 22.500 gebaut. Der Zweizylinder-Zweitaktmotor mit einem Hubraum von 396 Kubikzentimeter und einer Leistung von 14 PS brachte das voll beladene Fahrzeug auf magere 40 Stundenkilometer. Durch seine Wartungsfreundlichkeit infolge des einfachen Aufbaus und seinen geringen Preis erreichte er bei seiner Kundschaft jedoch einen hohen Beliebtheitsgrad.

Bei jedem Eigenbau benötigte man vorher ein möglichst maßstabsgetreues Kleinmodell. Die Händler bieten Modelle im Maßstab 1:42 von Schuco und im Maßstab 1:18 von der Firma Minichamps an. Letzteres bot für den Nachbau die besseren Voraussetzungen, da die Fehlerquote bei der Vermessung und Umrechnung in den gewünschten Maßstab ziemlich klein gehalten werden konnte. Mit der Hilfe einer umfangreichen Maßtabelle erstellte ich eine Zeichnung im Maßstab 1:1. Damit waren alle Grund voraussetzungen für den Nachbau gegeben.

Idee und Wir klichkeit

Wer sich die Fahrzeugkabine und die Motorhaube des Tempo einmal genau ansieht, wird gleich erkennen, dass es kaum eine gerade Kante gibt. Alles ist rund und fließend. Solche Formen stellen auch den erfahrenen Modellbauer vor eine große Aufgabe. Damit man bei der Fertigung der einzelnen Bleche nicht ins "Schleudern" gerät, ging ich nach der bewährten Methode vor. Aus einem massiven Holzklotz stellte ich eine maßstabsgerechte Form der Fahrzeugkabine und der Motorhaube her. An dieser Form kann man dann die gefertigten Teile anpassen und läuft so nicht Gefahr, ins Uferlose zu geraten. Der massive Klotz lässt es sogar zu, dass man die Bleche auf ihm formen kann. Als Werkstoff habe ich überwiegend Kupfer-, aber auch Messingbleche mit einer Materialstärke von 0,3 Millimeter verwendet.
Ich möchte nun in diesem Bericht nicht auf alle Fertigungsgänge eingehen, sondern mich nur einigen Schwierigkeiten und deren Problemlösungen widmen.


Problem 1: Das Fahrerhaus

Das Dach des Fahrerhauses besteht nur aus Wölbungen und Rundungen. Als Hilfsmittel habe ich mir aus einer Hartholzscheibe mit einem Durchmesser von 120 und einer Dicke von 40 Millimetern eine Schale gedreht. In die gewölbte Vertiefung der Schale wurden die vorgeschnittenen Bleche mit einem Holzhammer eingeschlagen. Dadurch erhielten die Teile schon eine ungefähr passende Wölbung. Der Rest musste nachgedengelt werden. Die Rundungen wurden dann über den Holzklotz gebogen. Dabei blieben die Ecken ausgespart, damit keine Falten entstehen. Für die verrundeten Ecken habe ich ein Stück Blech mit einer passenden Stahlkugel in eine halbrunde Ausdrehung geschlagen. Aus dieser so gewonnenen Halbschale wurden dann die Segmente gefertigt, die anschließend in die Ecken eingepasst und eingelötet wurden. Die Rückwand, Frontwand und die Seitenwände wurden ebenfalls auf diese Weise erstellt und nach letzten Passarbeiten zusammengelötet.


Problem 2: Die Lüftungsgitter

Ein weiteres Problem stellten die Lüftungsgitter in der Motorhaube dar. Nach mehreren Fehlversuchen kam ich mit folgender Machart zum Erfolg: Kupferdraht mit einem Durchmesser von 0,5 mm wurde gereckt und in Stücke geschnitten, die ungefähr 10 mm länger waren, als die Gitter sein mussten. Die Drähte wurden dann auf ein Weichholzbrettchen, das 10 mm schmaler als die Länge der Drähte war, so aufgelegt, dass sie beidseitig gleichmäßig überstanden. Als Abstandshalter zwischen den Drähten habe ich Stecknadeln verwendet, die ich in das Holzbrett eindrückte. Nachdem die entsprechende Anzahl von Drähten auf dem Holzbrett angeordnet waren, habe ich die überstehenden Enden miteinander verlötet. Danach wurden die Stecknadeln entfernt und das entstandene Gitter hinter die Ausnehmungen der Motorhaube geklebt.


Problem 3: Die ausklappbaren Winker

Oldtimer hatten nun einmal keine Blinker, sondern ausklappbare Winker für die Richtungsanzeigen. Die Realisierung dieses Problems war mit Servos nicht möglich, da schon bei geringem Lenkausschlag der Winker auf Vollausschlag reagieren muss. Eine Lösung war also nur über Relais möglich. Ich habe daher auf das Lenkservo eine Kontaktplatte montiert, die bei einem gewissen Lenkausschlag über einen Schiebekontakt den Strompfad zum Relais durchschaltet. Dazu habe ich zwei 12-Volt-Kammerrelais folgendermaßen umgebaut: Das Gehäuse wurde entfernt, der Klappanker etwas aufgebogen und mit einem aufgelöteten Blechstreifen verlängert. Zwei Schaltkontakte habe ich so verbogen, dass sie als Rückholfedern für den Klappanker dienen. Die Relais wurden auf der Rückseite der Fahrzeugkabine so montiert, dass die aufgelöteten Blechstreifen in den Fahrzeugraum hineinragen. Hier wurden sie durch einen Zugdraht mit den Winkern verbunden. Die ganze Aktion war zwar für einen Menschen mit dicken Fingern recht kompliziert, aber sie funktioniert gut.


Problem 4: Die Reifen

Die alten Fahrzeuge hatten sehr schmale Reifen. Daher war es nicht möglich, bei irgendeinem Hersteller Reifen mit einem Außendurchmesser von 53 mm und einer Breite von 11 mm zu bekommen. Die Firma Wedico hat einen Reifen mit einem Außendurchmesser von knapp 50 mm und einer Breite von 14 mm im Programm. Da es sich um einen Vollgummireifen handelt, war es mir möglich den Reifen auf einen Außendurchmesser von 53 mm zu recken, indem ich ihn auf eine entsprechend große Felge aufzog. Nun musste er noch schmaler gemacht werden. Ein Aufnahmedorn für die Drehbank wurde erstellt. Dann habe ich den Reifen mit einem hochkant in den Stahlhalter eingespannten Teppichmesser "im wahrsten Sinne des Wortes scheibchenweise"auf 11 mm Breite abgeschnitten. Normale Drehstäbe eignen sich nicht für die Gummibearbeitung. Ihre Winkel sind zu stumpf und dadurch reißt der Gummi aus. Mit sehr schmalen und scharfen Gegenständen wie zum Beispiel einer Messerklinge (man kann auch abgeschliffene Metallsägeblätter verwenden) erreicht man gute Erfolge.

Die Tempo Fahrzeuge des Konstrukteurs Oscar Vidal hatten einen genialen Aufbau. Der Motor samt Getriebe sowie das angetriebene und gelenkte Vorderrad waren an einem gefederten Drehbolzen aufgehängt. Dadurch erhielt man ein frontgetriebenes Fahrzeug und sparte teure Differenziale und Antriebswellen. Die Kraftübertragung zum Vorderrad erfolgte über eine Kette. Außerdem war das Auto sehr reparaturfreundlich, da mit wenigen Handgriffen das gesamte Antriebsaggregat samt Vorderrad ausgebaut werden konnte. Eigentlich ist es schade, dass ein solch preiswerter und wirtschaftlicher Kleintransporter offensichtlich nicht mehr in das heutige Straßenbild passt. In den 50er Jahren waren Tempo-Erzeugnisse jedoch reine Kultfahrzeuge, die in Liedern und Gedichten besungen wurden.

Hier ein Tempo Lied aus "Tempo" Eine Chronik von Reinald Schumann nach der Melodie "Von den blauen Bergen kommen wir".
Tempo, Tempo schreit die ganze Welt,
Tempo, Tempo, Zeit ist Geld!
Hast Du keinen Tempo-Wagen
Wird die Konkurrenz Dich schlagen.
Tempo, Tempo schreit die ganze Welt!
Tempo-Boy, der neue Tempo-Typ,
ist bei seinen Fahrern sehr beliebt,
ohne Pannen, ohne Launen,
man muss immer wieder staunen,
dass es so was in der Klasse gibt.
Und sein Bruder Tempo-Hanseat
Ist ein Lieferwagen von Format.
Prüf’ nur einmal seine Leistung
und dann sagst Du voll Begeist’rung,
"Ich fahr’ nur noch Tempo-Hanseat!"
Ziehst Du einen größ’ren Wagen vor,
wähl den Vierrad-Tempo-Matador.
Dieser fabelhafte Wagen,
in der Klasse nicht zu schlagen
das ist unser Tempo-Matador
Tempo, Tempo schreit die ganze Welt!
Tempo, Tempo, Zeit ist Geld!
Hast Du keinen Tempo-Wagen
Wird die Konkurrenz Dich schlagen.
Tempo, Tempo schreit die ganze Welt!

Werner Schell



Der Rohbau von Fahrerkabine und Motorhaube, Material 0,3 mm Kupferblech weichgelötet



Ohne Holzmodell geht gar nichts



Zeichnung im Maßstab 1:1 mit wichtigen Maßen



Die gelenkte, gefederte und angetriebene Vorderachse



Zum ersten Mal auf drei Rädern



Vom Holzmodell zum Fer tigmodell



Ein fesches Kerlchen



Typisch Hanseat: die weit ausgestellten Rückspiegel



Die Elektronik auf der Pritsche verteilt. Klar erkennbar der Mini-Empfänger, der Fahrtregler und der Fahrakku 12 Volt, 1,2 Ah



So sieht er von unten aus. Man erkennt die auf das Lenkservo montierte Steuerplatte für die Ansteuerung der Winker



Wenn er die Klappe aufreißt, sieht man den gesamten Antrieb


Dieser Artikel ist erschienen in  der Zeitschrift Truck  & Detail Heft 4 / 2003 und ist verfaßt worden durch den Erbauer